Das Gleichnis vom gottlosen Richter und der Witwe (Lk 18,2-8)

Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten:
In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm.
In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind!
Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich:
Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht;

trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe.
Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.
Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt.
Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern?
Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen.
Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?

 

Dürfen wir Gott läschtig tua?

Das ist die Kernfrage, die für mich hinter dem Evangelium steht. Da wird von einer Witwe erzählt, die so lange bei einem ungerechten Richter anklopft, bis der ihr, um seine Ruhe zu haben, zu ihrem Recht verhilft.

Diese läschtige Frau wird uns als Vorbild hingestellt.

Als Vorbild, wie wir beten sollen. Wir sollen nicht ablassen, zu Gott zu schreien. Ihm werden wir nicht zu lästig.

Bei der Vorbereitung habe ich eine sehr kreative Methode gewählt: ich habe versucht diese Stelle ins Bild zu bringen. Ich lade euch jetzt dazu ein, mir sozusagen beim Malen über die Schulter zu sehen:

Zunächst habe ich versucht das Dunkle, das Unrecht zu malen, das auf der Witwe liegt. Dies habe ich in einem großen dunklen Berg dargestellt, in dem in der Mitte das rote Feuer des Schmerzes brennt. Das Dunkle für sich allein hat mich bedrückt.

In dieses Dunkle hinein habe ich einige gelbe, grüne und goldene Punkte mit Farbe auf das Papier gespritzt. Diese Punkte stehen für das fortwährende lästige Gebet, das die Witwe zu Gott gebracht hat. Zunächst haben diese Farbpunkte das Dunkel des Bildes noch nicht aufgehoben, es waren sozusagen Tropfen auf den heißen Stein …

Einige dieser Spritzer haben dann zufällig die Form eines jungen Pflänzchens bekommen, die ich wie mit Wurzeln in den dunklen Stein verwurzelt habe. Als Bild ist dann ein dunkler Stein entstanden, der von vielen, kleinen verletzlichen Pflanzen durchbrochen wurde. Ein zartes, junges Pflänzchen, das mit viel Geduld den Stein durchbricht. Dieser Sieg des kleinen, läschtigen ist auch in der Natur oft zu sehen: Ich erinnere mich dabei an so manches Gänseblümchen, das aus einer kleinen Ritze im Asphalt wächst.
Oder ein Baum, dessen Stamm rund um einen Stein gewachsen ist.

Diese und viele andere Bilder aus der Natur können uns im Blick auf das Evangelium Hoffnung geben. Eine Hoffnung, die sich auch im Dunklen und Schweren ihren Weg bahnt. Diese Hoffnung und dieser Glaube sind sehr verletzlich.

In der Bibel wird uns Gott immer wieder als Anwalt des kleinen, schwachen, Verletzlichen vorgestellt. Eine Bibelstelle, die das sehr gut ins Bild bringt ist das erste Gottesknechtslied im Buch Jesaja. Dieser Gottesknecht, den das neue Testament in Jesus Christus kommen sieht, zerbricht das geknickte Rohr nicht und löscht den glimmenden Docht nicht aus.

In meinem Bild habe ich auch diese Bibelstelle im Hintergrund mitbedacht. Die Pflanzen wachsen darin alle in eine Richtung, dem Licht entgegen. In das Licht hinein habe ich nochmals einige goldene, gelbe und grüne Spritzer hineingemacht. Dieses Licht steht für Gott. Bei ihm ist das schwache, verletzliche Pflänzchen unseres Glaubens, das geknickte Rohr oder der glimmende Docht gut aufgehoben. Er ist der Anwalt der Menschen, die (wie die Witwe im Evangelium) Unrecht erfahren. Er möchte auch uns unverzüglich zu unserem Recht verhelfen, wenn wir Tag und Nacht zu ihm schreien. In Gott selbst ist das schwache, verletzliche selbst gegenwärtig. Er ist selbst ein verletzlicher Mensch geworden, der sich dem Dunklen dieser Welt gestellt hat. Das feiern wir zu Weihnachten.
Wie wir aus der weiteren Geschichte Jesu wissen, ist dieses Dunkel am Kreuz scheinbar siegreich hervorgegangen. Doch die Geschichte Gottes war damit nicht zu Ende: Er hat durch seine Auferstehung die dunkle Barriere des Leides und des Todes durchbrochen und unserem Glauben dadurch, wie einem kleinen verletzlichen Pflänzchen, den Weg zum Licht gezeigt.

Dürfen wir Gott läschtig tua?

Dies war die Ausgangsfrage mit der ich Ausführungen begonnen habe.
Diese Frage beantwortet sich aus dem Evangelium mit einem klaren JA.

Die Gegenfrage bleibt für mich offen:

Darf uns Gott läschtig tua?

Darf er immer wieder an unsere Türen klopfen?
Darf er in unsere Häuser, Familien und in unsere Kirche eindringen?
Darf er uns in Frage stellen?
Darf er uns immer wieder ein Beziehungsangebot machen?

Ich glaube Gott ist sehr geduldig mit uns.

Er möchte immer wieder kleine Farbspritzer seines Glaubens an uns in das Dunkel unserer Welt malen und unser Leben dadurch Schritt für Schritt heller machen.

Autor: Roland Sommerauer